Das stolze Volk am Scheideweg

Eine Reportage von Steffen Pabst

Die Imkerei ist in der Krise. Einerseits bleibt der Nachwuchs an Imkern aus, andererseits durchleben Honigbienenvölker weltweit ein Massensterben, dessen genaue Ursache weiterhin nicht gänzlich geklärt ist. An mehreren Stellen in Osterholz-Scharmbeck stellten deshalb am 05. Juli die Imkervereine der Stadt ihre Bienen aus um für sich zu werben und auf die Probleme aufmerksam zu machen.

Der Himmel ist verhangen und grau, der Luftdruck ist so hoch, als könnte man die Atemluft trinken. Das Wetter scheint den Imkern und ihren Bienchen am heutigen Tage nicht gerade wohlgesonnen. Bienen und Ausstellungsbesucher haben nämlich eines gemeinsam: Sie bevorzugen Sonnenschein! Trotzdem sind die drei Ausstellungsorte der Imkervereine in Osterholz-Scharmbeck gut besucht: Die Biostation in der alten Geteidemühle im Stadtzentrum, das Heimatmuseum in Osterholz und die alten Moorkate in Hambergen. Neugierige Kinder, interessierte Rentner und natürlich viele Bienen schwirren hier zwischen den Kräuterbeeten und Bienenstöcken. Ein geschäftiges Treiben, das trotzdem keine Spur von Stress vermittelt. Im Gegenteil: Das Summen und Brummen in der Luft wirkt beruhigend, die rauchige Note die sich zwischen den Blütenduft drängelt, wirkt nicht aufdringlich sondern würzig. Ein Rausch der Eindrücke. Im Gebäude sind keine Besucher zu finden, nur zwei Damen, die Stühle ordnen. Es ist weniger ein Tag der offenen Tür, sondern vielmehr ein Tag des offenen Kräutergartens

„Wir Imker haben ein Nachwuchsproblem“ erzählt mir einer der Aussteller an der Biostation in Osterholz-Scharmbeck. „Die Imkerei ist für junge Menschen einfach nicht mehr cool. Sie geben ihr Geld wohl lieber fürs Feiern aus oder wollen die Arbeit nicht. Dazu kommt noch, dass viele Leute Bienen für gefährlich halten und Angst haben gestochen zu werden. Das ist aber totaler Quatsch. Sie sind völlig harmlos, wenn man weiß, wie man sie behandeln muss. Durch Züchtungen sind Honigbienen eher Haustiere.“ Unweigerlich muss ich an meine eigene Katze denken.  Diese Bienen dagegen stören sich wenig über neugierige Augen, ganz egal wie nahe man Ihren Bauten auch kommen mag. Gelegentlich landen sie sogar freiwillig auf der Kleidung von Besuchern. Besonders bunte T-Shirts haben es den Bienen augenscheinlich angetan. „Als Faustregel kann man sagen, dass alles was schön ist und gut riecht im Garten von Insekten wie den Bienen bestäubt wird. Alles was grün und braun ist, wird vom Wind bestäubt.“ Daher mögen die Bienen besonders Kleidungstücke mit grellen Farben. Eine Biene fliegt auch mein oranges T-Shirt an und wandert neugierig auf mir herum. Welchen Grund hätte sie zu stechen? Meine Katze dagegen reagiert immer bissig, wenn ich sie tragen will.

Wenn ich die einzelnen Bienen aus ihrem Stock hinausfliegen sehe, fällt es mir schwer nicht in ein Gefühl von Dankbarkeit zu verfallen. „Ein Drittel unserer Lebensmittel gäbe es nicht ohne Insekten, ins besondere der Bienen“, erklärt  ein Imker einem interessierten Jungen mit Eis in der Hand. Damit meint der Imker nicht nur die heimischen Äpfel und Birnen, sondern auch exotische Leckerbissen wie Mangos und Papaya. Die Imkerei ist eine Massentierhaltung, auf die auch Veganer nicht verzichten können.  Doch nicht nur unserer Zunge würden viele Genüsse entgehen, sondern auch unseren Augen und unserer Nase. Albert Einstein soll gesagt haben, verschwände die Biene einmal von der Erde, hätte auch der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Was würden die Nahrungsmittelpreise wohl sagen, wenn der Mensch die Blumen und Bäume selber zu bestäuben müsste?

Wie fleißig Bienen eigentlich sind, kann man erst verstehen, wenn man sich einmal vergegenwärtigt, welch eine Leistung alleine die Sammlerinnen vollbringen. Jede von ihnen sammelt in ihren vier bis fünf wöchigen Leben knapp einen Teelöffel Honig. Damit ein Volk einen ganzen Kilo Honig sammelt, muss es gemeinsam eine Strecke SONY DSCzurücklegen, die dem dreimaligen Umfang der Erde entspricht. Um jedoch einen kalten Winter zu überleben, muss ein Stock mindestens 20 Kilogramm Honig zusammentragen. Hierzu sind mehr als 200.000 einzelne Sammelflüge notwendig und bei jedem einzelnen dieser Flüge bestäuben sie all die Blüten. Manch findige Imker schaffen es sogar, jedem ihrer Völker mehr als 100 Kilogramm zu entlocken. Wenn ich als Kind meinen Eltern im Garten half, nannte mich meine Mutter immer ihr „fleißiges Bienchen“. Meine kindliche Leistung mit der Gartenhilfe wirkt im Vergleich zu den Leistungen einer Biene jedoch geradezu befremdlich.

Am Eingang der Stöcke herrscht ein Treiben, das einem Vergleich mit modernen Großstadtflughäfen nicht fürchten muss. Im Sekundentackt fliegen Bienen aus, um die Umgebung nach Nektar abzusuchen. Andere Bienen kommen zurück und verschwinden schnell in der kleinen Öffnung in die Dunkelheit des Stocks. Von jedem Sammelflug bringt eine einzelne Biene bis zu 2,3 Millionen Pollen zu ihrem Volk zurück, welche gelblich die beiden Pollensäckchen an den Hinterbeinen der Sammlerin füllen. Um diesen Pollen in nur 300 Gramm Honig zu verwandeln, müssen die Bienen bis zu 20.000 Sammelflüge unternehmen. Auch wenn ich weiß, dass die Bienen nicht grundlos stechen, so bekomme ich doch ein mulmiges Gefühl, als ich ganz nah an die Abflugrampe herantrete um das Treiben zu beobachten. Ständig zischt und brummt ein kleines, flauschiges Geschoss an mir vorbei. Ich fühle mich weniger wie ein stiller Beobachter, sondern eher als lästiges, aber geduldetes Hindernis.

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Sauberes Wasser durch Sonnenkraft – Bremer Technik als Hilfe zur Selbsthilfe

Eine Gruppe von Studenten der Bremer Universität entwickeln einen Stick, um die Trinkwasserprobleme in armen Ländern zu verbessern. Er soll besonders die Situation von Flüchtlingen entspannen.

von Steffen Pabst

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Eines ist Theodor Hillebrand wichtig: „Als die Idee entstand, wollten wir sicher gehen, dass wir an einem echten Problem arbeiten und nicht an einer Lösung für ein nicht existierendes Problem.“ Es besteht kein Zweifel,  dass es ein reales Problem mit der Trinkwasserversorgung in vielen Teilen der Welt gibt. Trotz großer Fortschritte der UN, haben laut Berichten der UNICEF weiterhin 780 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und 2,3 Milliarden Menschen haben auch keinen Zugang zu sanitären Anlangen.

In Flüchtlingslagern sei die Lage besonders schlimm, besonders am Anfang, wenn tausende Vertriebene vor den Toren stehen, kaum nachdem das erste Zelt stehe. Hillebrand, selber Mitglied des THW, weiß wovon er spricht. „Um die großen Container, in welchen Frischwasser aufbereitet werden kann aufzubauen, brauchen selbst geübte Helfer oftmals drei Tage. Darum versuchen die Helfer in diesen ersten Tagen den Flüchtlingen die SODIS-Methode beizubringen.“

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Was passiert eigentlich mit unserem Müll? Von harten Fakten und Halbwahrheiten

Seit knapp 25 Jahren trennen die Deutschen fleißig ihren Müll. Doch was passiert eigentlich mit dem Müll, wenn er aus der Wohnung raus ist und bringt Mülltrennung überhaupt was?

Ein Bericht von Jana Feldhusen

Akkurat getrennt und gekennzeichnet. Doch was passiert mit dem Abfall, nachdem er entsorgt wurde?

Akkurat getrennt und gekennzeichnet. Doch was passiert mit dem Abfall, nachdem er entsorgt wurde?

Seit 1991 wird in Deutschland der Müll getrennt. Vor vielen Wohnhäusern sieht man mittlerweile eine bunte Parade an Mülltonnen. Eine grüne Tonne für den Biomüll, eine blaue für Papier, der Restmüll kommt in eine graue Mülltonne und Verpackungen mit einen grünen Punkt landen in der gelben Tonne bzw. im Gelben Sack. Dazu kommt noch Sperrmüll, der nach Bedarf abgeholt wird,  Glas muss gesondert zu Containern gebracht werden und ausrangierte Elektrogeräte sind beim Wertstoffhof zu entsorgen. Ganz zu schweigen vom bewährten Pfandsystem, das den Verbraucher auffordert, seine Flaschen und Dosen wieder zum Supermarkt zurück zu bringen. Im Bereich Mülltrennung gibt es also genug Stoff, um damit mehrere Unterrichtsblöcke in einer Schule zu füllen und nicht umsonst führt dieses komplexe Trenn- und Entsorgungsproblem oftmals zur Verwirrung bei den Verbra uchern. Obwohl viele kritische Stimmen behaupten, dass Mülltrennung doch sowieso nichts bringe und später alles in einer Tonne landet, sieht Dr. Joachim Wuttke vom Umweltbundesamt dies anders, „Die Mülltrennung bringt eine  Menge und macht es überhaupt erst möglich, dass die entsprechenden Verwertungsprozesse angewandt werden können“. „Die eigentliche Frage ist, wie aufgeklärt ist der Bürger?“, so Wuttke. Hat der Verbraucher seinen Abfall schließlich in die dafür vorgesehene Tonne entsorgt, beginnt der nächste Schritt der sogenannten Kreislaufwirtschaft.

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Keine krummen Dinger – auch nicht auf dem Wochenmarkt

Wochenmärkte bieten für viele Kunden eine Alternative, um regionale und ökologisch erzeugte Lebensmittel direkt vom Erzeuger zu kaufen. Dennoch sortieren die Landwirte auch hier im Voraus viele unschöne, krumme oder knubbelige Lebensmittel aus, um den Wünschen der Kundschaft gerecht zu werden. Am Ende eines jeden Tages stellt sich das immer gleiche Bild zur Schau: auch hier werden Lebensmittel, die nicht der Norm entsprechen, rigoros entsorgt.

Es duftet süßlich, Beerenzeit. Der laue warme Sommerwind trägt den Duft in die Stadt. Vorbei an mehreren kleinen bunten Obst- und Gemüsehändlern ist das Ziel der Wochenmarkt am Domshof in Bremen. Turtelnde Pärchen, neugierige Touristen, aber auch schnell vorbeiziehende Individualisten stehen Obst- und Gemüsehändlern, Geflügelspezialisten, Blumenhändlern und Bäckern gegenüber. Alte und junge Menschen klappern mit Fahrrädern und schlendern mit ihren Körben in der Hand vorbei, um sie mit frischen saisonalen Lebensmitteln zu füllen. Der Wochenmarkt auf dem Domshof im Herzen der Stadt bietet täglich frische und regionale Waren an. Hinter Dom und Rathaus verkaufen aktuell rund 50 Händler ihre Produkte. Kleine Fähnchen wehen mit aufgedrucktem Herz und der Aufschrift „Erlebe deinen Wochenmarkt“ an Bäumen und Ständen und begrüßen alle eintreffenden Besucher. Die Mission des Tages: Werden hier Lebensmittel verschwendet?

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Restlos glücklich – wie die Oldenburger Lebensmittel retten

Oldenburg. Während nach den neuesten Schätzungen der UN-Welternährungsorganisation FAO [Food and Agriculture Organization of the United Nations] 795 Millionen Menschen an Hunger leiden, wirft jeder Deutsche pro Jahr 82 Kilogramm Lebensmittel weg. Im europäischen Vergleich ist das sogar noch recht wenig. Um dem etwas Entgegenzusetzen, ist im Jahr 2012 die Plattform foodsharing.de in Berlin online gegangen. Lebensmittel vor der Mülltonne zu bewahren, das ist das Ziel – jetzt auch in Oldenburg.

Mit einem Neustart im vergangenen Wintersemester haben sich nun auch die Oldenburger dem Mantra der foodsharing Initiative „Restlos glücklich“ verschrieben. Studentinnen und Studenten der Universität Oldenburg sammeln Lebensmittel, welche für die Mülltonne bestimmt waren, verhandeln mit Supermärkten und Bäckereien und bauen so ein stadtweites Netz gegen die Wegwerfmentalität auf. Was also steckt hinter foodsharing?

„Es geht einfach darum, Lebensmittel zu retten, die sonst weggeschmissen werden“, fasst Lisa Krüger, die Oldenburger foodsharing Botschafterin den Zweck der Initiative zusammen. Diese ist begründet auf der Idee, das deutschlandweit verbotene Phänomen „Containern“ auf eine legale Ebene zu heben. Bislang ist die einzige Möglichkeit, noch genießbare aber vom Handel entsorgte Lebensmittel aus den Mülltonnen der Supermärkte zu retten, sie zu klauen. Statt der Verschwendung so illegal etwas entgegenzusetzen, sollen bei foodsharing direkte Kooperationen mit dem Handel eingegangen werden.

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Effiziente Politik

eine Glosse von Steffen Pabst

„Sehr produktiv“ – so lautete das Urteil von Bundeskanzlerin Angela Merkel am Ende des G7-Gipfels. Es lässt sich ja schließlich auch viel lockerer über Sanktionen gegen Russland verhandeln, wenn Russland nicht dabei ist. Vielleicht sollte sie gleich auf noch mehr Länder verzichten: Effizientes Arbeiten ist ihr sonst ja auch immer sehr wichtig! Die Franzosen und Kanadier versteht von Natur aus ja sowieso schon niemand, die Italiener haben so viel Ahnung von Demokratie wie der Vorstand der Fifa und das Einzige, womit die Engländer die Welt bisher bereichern konnten, waren Mr. Bean und gutes Männerfrühstück. Und wenn Papa Obama und Mama Merkel doch einmal Interesse hätten, was die anderen Staatschefs wohl zu einem Thema zu sagen haben, würde sowieso ein Druck auf die Kurzwahltasten der NSA-Kundenhotline reichen.

Haben wir unsere Vergangenheit schon vergessen?

Ein Kommentar von Hanna-Lena Neyls

Merkel hat unlängst im Rahmen des Evangelischen Kirchentags erklärt, dass Sie es unverständlich fände, dass Bürger freiwillig ihre Daten an Konzerne weitergeben. Wo sie doch gleichzeitig Skrupel haben, dem Staat Rechte einzuräumen, damit dieser auch ein paar Daten abfangen kann. Für unsere Sicherheit.

Stimmt. Was ist los mit unserer Gesellschaft, dass wir sämtliche Daten freiwillig mit Konzernen teilen, ohne die massenhafte Speicherung sensibelster Daten wie Kommunikationsdetails kritisch zu hinterfragen? Wir hätten doch nichts zu verbergen? Wo doch das Telekommunikations- und Briefgeheimnis im Grundgesetz festgeschrieben ist.

Nur: Was ist los mit unserer Politik, dass sie das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung, welches vor einigen Jahren noch vom BGH als verfassungswidrig eingestuft wurde, in nur etwas abgeschwächter Form wieder verabschieden will? Oder dass sie eine PKW-Maut auf den Weg bringt, mit deren technischem Grundgerüst im großen Stil Verkehrsdaten gespeichert werden könnten?

Wieso setzt unsere Bundeskanzlerin eine freiwillige Weitergabe von Daten mit einer staatlichen Pflichtspeicherung gleich?

Und wieso nehmen wir all das hin?

Haben wir unsere Geschichte vergessen? Es gibt leider Zeiten, in denen der Staat nicht nur den Schutz der Bürger im Sinn hat, sondern den Schutz des Systems. Schon zweimal wurden in Deutschland im letzten Jahrhundert Menschen verfolgt, die aus verschiedensten Gründen nicht „in das System passten“. Gestützt durch ein umfangreiches Überwachungsnetzwerk.

Wieso sind wir so naiv, die Demokratie für immer als Gegeben anzusehen? Für die Erhaltung unserer Demokratie müssen wir auch einstehen. Und das geht nicht, in dem wir undemokratische Entwicklungen, auch wenn wir uns gegenwärtig in Sicherheit wähnen, einfach hinnehmen.